28.01.15

Alex steigt aus 30 - ein Jahr in Freiheit

Team Kordas Alexander Kobler und seine Freundin Caroline taten, wovon viele träumen: Sie kündigten Job und Wohnung, beluden den VW-Bus und fuhren los. Auf in den Süden Europas, erstmal angeln! Wie lange? Das steht in den Sternen. Doch mittlerweile bereits ein Jahr:

Ganz ehrlich? Ich hätte niemals geglaubt, dass wir es schaffen, ein ganzes Jahr lang wie die Zigeuner zu angeln. Doch noch krasser ist, dass wir nach diesem Jahr genauso schlau oder besser gesagt verplant sind wie zuvor. Wo soll das alles noch hinführen? Gibt es einen Ausweg aus diesem Wahnsinn? Langsam wird der Trip nämlich echt psychedelisch. Wir sind so weit weg von den Normen eines „normalen“ Lebensstiles, dass ein Zurück fast nicht mehr möglich scheint. Das Zigeunerleben strömt durch unsere Adern wie flüssiges THC, wir treiben in einem Strom aus Angelwahnsinn und Aussteigertrunkenheit. Wir leben den Traum eines Karpfenanglers. Bloß kann sich fast kein Karpfenangler vorstellen wie sich dieser Traum anfühlt. Deshalb kann einen auch fast keiner verstehen. Und so ist es auch nicht schwer, bei diesem Traum den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir schweben durch das Weltall. Doch haben wir nicht mehr viel Sauerstoff und können nur noch hoffen, auf eine Raumstation zu treiben.

Okay, ich übertreibe, eigentlich ist alles nicht so wild. Wir haben noch genug Luft und Lust auf mehr. Eigentlich steht uns gerade nur eines im Wege: Meine Gier auf einen wilden 30-Kilo-Spanier. Wenn ich diese endlich überwinden kann, dann kann ich mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren, uns! Wie ich den Fang eines wilden Giganten beeinflussen kann, weiß ich sowieso nicht. Doch ist dieser Traum real und in scheinbar greifbarer Nähe. Erst vor ein paar Tagen wurde wieder ein Ultraschuppi mit 31 kg gefangen. Nur mit gutem Angeln, so glaube ich aber gerade, komm ich dem Monster nicht näher. Manchmal glaube ich sogar, dass ich komplett an ihm vorbei angle. Warum ich das denke? Das hat mit der Frage nach dem Ursprung eines wilden und natürlich aufgewachsenen Giganten zu tun. Wie konnte dieser so groß werden? Liegt es in seinen Genen (fürs Wachstum) oder an seinem Verhalten und seiner Art zu fressen? Ich glaube eher an das Letztere. Wie ich darauf komme? Das liegt vor allem an der Masse an 18 bis 23 kg Karpfen, die in diesem sehr großen Stausee in der Extremdura schwimmen. Es scheint nämlich in der Größenverteilung hier etwas nicht zu stimmen: Es klafft geradezu eine Lücke zwischen 23 und 30 kg. Ich höre und sehe bestimmt nicht mehr Fänge von Karpfen mit 50 Pfund als von Karpfen mit 60 Pfund. Im Gegenteil, es scheint fast mehr 60er als 50er zu geben. Fast jedes Mal wenn ein 60er gefangen wurde, war das aber ein Einzelfang von einem Angler, der zuvor kaum einen 40er gesehen hatte. Ich denke also, dass der 60er deshalb so groß geworden ist, weil er nicht zu viele Freunde hat und Futter nicht teilen muss. Einzelgänger statt Partymaus und ein Angler, der eher an den Karpfen vorbei angelte. Ihr seht schon, aus mir spricht (wieder mal) der Frust. Und das ist natürlich absolut lächerlich. Vor allem wenn man einen Blick in unser extrem pralles Fangbuch wirft...

Ich denke, dass ich mich mit diesem Tunnelblick Richtung Ultrakarpfen ein letztes Mal aufbäume, bevor ich den Bigfish-Zwang endgültig aus meinem Leben verbanne. Ich schäme mich nämlich dafür. Denn Träume dürfen niemals Zwänge werden. Und Hoffnungen niemals Erwartungen. Der Kult um besonders große oder schöne Karpfen vernebelt die Sicht auf das Wesentliche. Und Nebel im Weltall ist absurd. Genauso absurd wie der zweite Paragraph dieser Kolumne auf manche wirken mag. Ihr dürft zu dem Thema in der Zukunft aber ganz sicher mal etwas weniger absurdes von mir erwarten. Oder der ganz Dicke liegt doch noch im Netz, und ich revidiere meine Absurditäten. Bei einem bin ich mir aber absolut sicher: Loslassen vom Fangzwang eines Giganten steht bei mir höher auf der Wunschliste als der Fang eines 37 kg Schuppis mit 120 cm. Und noch viel höher steht das bleibende Glück, einen Aussteigertrip zusammen mit Caroline zu leben. Ihr widme ich diese Kolumne. Baby, du bist die Beste!

Noch was anderes. In der vorletzten Kolumne schrieb ich, dass ich diesen Winter so wenig wie möglich Internet-Zugang will. Und auf einmal, ungefähr vor zwei Wochen, tauchten wir auf Facebook als Carp Gypsies auf. Komisch, oder? Genau. Erst wollte ich einfach, dass Carp Gypsies mit uns assoziiert wurden, so hieß auch schon unser kurzer Video Clip vom Sommer. Doch dann hatte mich Facebook auf einmal gefangen und ich klickte auch immer wieder mal die „Startseite“ an, um zu schauen was in der digital-sozialen Welt so abging. Krass, nach einer Abstinenz von mehreren Jahren muss ich sagen, dass dieses „soziale Spiel“ ja immer noch, nein sogar noch viel mehr abgeht als früher zu Zeiten von Studivz. Prädikat: suchterzeugend! Und deswegen habe ich mir auch vorgenommen, nur ab und zu online zu gehen und auch nur in den Perioden, in denen wir nicht angeln. Naja, mal sehen. So schlimm ist Facebook ja auch nicht, oder?
Viele liebe Grüße aus der Extremadura,
Alex und Caroline

PS: Nach einer Woche Angelpause geht es morgen endlich wieder raus. Yes!

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