25.11.15

Alex steigt aus 34 - Chaos-Tage Teil 3

Der rote Streifen des Rostschutzes der Lagerhallentüre war selbst im dämmrigen Laternenlicht noch gut zu sehen, da half auch kein Reiben mit Spucke oder sonstige Polierversuche. Jeans Kotflügel hatte wirklich etwas abbekommen. Doch darüber verschwendeten wir jetzt nicht zu viel Gedanken. Für Jean war die Hilfe so selbstverständlich, als ob wir beide bei den Hells Angels wären. Ja, es gibt genug solcher Karpfenangler. Für sie zählt die Gemeinschaft mehr als ein verkratzter Kotflügel. Bevor er sich über dieses Blechstück Sorgen machen würde, dachte er an unser kaputtes Vehikel in der Pampa, Hund Chico verlassen irgendwo auf den Weiden und Caroline verstört und verlassen im Colossus Zelt am Ufer des 5000 Hektar Sees. Zurück am Hafen ließen wir die Luft aus dem verdreckten 330er und packten es zusammen mit dem Benzinmotor und Tank auf die Rücksitzbank seines gepflegten Toyotas. Es war finstere Nacht als wir auf dem schicksalshaften Feldweg die üppigen Einkäufe aus dem VW-Bus in den Toyota packten. Den schräg am Graben geparkten T5 ließen wir einfach hinter uns und fuhren weiter Richtung See. Immer wieder pfiff und rief ich aus dem Fenster, in der Hoffnung dass der kleine, schwarzweiße Strolch irgendwo auftauchen würde. So wenig Hoffnung Jean auch hatte, so überraschter waren wir, als Chico auf einmal aus den Ginsterbüschen hervorkam, als wir auf einen Weidenzaun zufuhren. Ängstlich ließ er sich gleich packen und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Die Sorge um ihn war größer gewesen als um den doofen Bus. Endlich, nach halbstündiger Fahrt über die Schnellstraße und ebenso langem Geholper über den typisch spanischen Feldweg (camino) kamen wir in der großen Bucht an, von der es nur noch eine Überfahrt von gut einem Kilometer bis zum Angelplatz war. Dort pumpten wir das Schlauchboot wieder auf und knatterten mit dem Benziner zurück zu Caroline. Die hatte unser Camp komplett aufgebaut und war scheinbar noch immer verzweifelt über unsere Lage. Doch hatte sie ihr Strahlen schnell zurück als sie Chico erblickte. Nach Tränen der Freude aßen wir zu viert noch einen Happen und legten uns wenig später komplett erschöpft in die Fallen.

Chico ist endlich wieder da

Himmel und Hölle an einem Ort

Am nächsten Tag regnete es wie aus Eimern. Trotz der wirklich chaotischen Situation bereiteten wir einen großen Futterplatz in der bisher sehr erfolgreichen Tiefe von 13 Metern vor. Doch mussten wir dafür sage und schreibe 400 Meter weit raus. Boah, auch der Angelplatz war also falsch gewählt. Ein Platzwechsel kam aber in unserer Situation natürlich nicht in Frage und es musste einfach hier klappen, in welcher Entfernung auch immer, schließlich wollte Wulf Plickat uns eine knappe Woche lang filmen. Doch wie gesagt, mit einer kaputten Kupplung oder schrottem Getriebe an einem VW-Bus wirklich mitten im Nirgendwo hatten wir andere Sorgen als Karpfenangeln. Es war surreal. Tatsächlich stand Wulf in der Abenddämmerung an einer Bushaltestelle mitten in der Extremadura. Ich weiß nicht mehr wie oft ich mit diesem Herrn schon etwas Ähnliches geplant und wie oft es in letzter Minute nicht geklappt hatte. Sei es wegen einem abgelaufenem Personalausweis, einem kurz vorher passierten Autounfall oder dem erkälteten Hund einer Bekannten. Immer schien dem talentierten Menschen aus Hamburg etwas dazwischen gekommen zu sein. Und jetzt, nach ein paar Flugstunden von Berlin und fünfstündiger Busfahrt durch dutzende Dörfer, stand er da, mit seinem großen Koffer und einem Pelicase. So unglaublich das Ganze war, so groß war die Freude. Und besser könnte die Ausgangssituation für einen Film nicht sein, meinte Wulf, mit einer Katastrophe muss es beginnen, "gaaanz vorzüglich"... Sein schelmisches Lachen hallte durch die Gasse vor dem spanischen Supermarkt und Jean war von Wulfs Art gleich angetan. Ich will von den folgenden Tagen gar nicht so viel vorwegnehmen und überlasse das der Interpretationssache von Wulf. In Kürze: Am folgenden Tag schleppten wir den VW-Bus mit Jeans Toyota rückwärts über den Feldweg zur Hauptstraße, von dort ging es weiter mit dem Abschleppdienst zur fünfzig Kilometer entfernten Werkstatt, die nach ein paar Tagen einen Schaden an der Antriebswelle feststellte und später für schlappe 270 Euro reparierte. Unser belgischer Kumpel Jo kam zufällig zu diesem Zeitpunkt am See an. Nachdem er 24 Stunden aus Belgien durchgefahren war, musste er noch Caroline, Chico, Wulf und mich plus das Material für drei Personen auf zwei Mal fünfzig Kilometer weit zum reparierten VW-Bus fahren. Von dort aus brachte er Wulf am folgenden Morgen auch noch zum Bus Richtung Madrid Flughafen. Ein echtes Happy End, nach fettigem Essen mit den Locals im Dorf und endlich wieder einer Nacht mit gutem Schlaf in einer Pension, nach einer ereignisreichen Woche während derer ich auf dem Boden schlief, weil Wulf meine Liege hatte.

Ende gut, alles gut.
Grüße
Carp Gypsies
Caroline, Alex und Chico

PS: Habe ich wirklich eine dreiteilige Kolumne geschrieben, ohne dass darin auch nur ein Fisch erwähnt wurde? War keine Absicht und will nicht heißen, dass wir nichts gefangen haben. Aber wie gesagt, wir hatten andere Sorgen...

Danke Jean, hallo Wulf!

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