13.07.17

Big City Life #1 Oasen im Dreck des täglichen Lebens - Tammo Schiller

Es ist Mittwoch Abend, ich öffne die Klappe des Kofferraums und hebe den fertig beladenen Trolley über die Heckstoßstange, nur die Ruten und den Kescher muss ich noch drauf legen, dann kann es losgehen. Die Sonne steht schon recht niedrig und in einer Stunde wird langsam die Dunkelheit einbrechen, wobei, wirklich dunkel wird es hier nie. Ich schiebe über die Straße auf einen kleinen Kiesweg, der von großen Kastanien beschattet wird, unter ihnen eine grüne Rasenfläche mit einzelnen Rhododendronbüschen. Ich höre laute Stimmen in meiner Nähe, die Beginner mit „Ahnma“ ertönen aus einem Lautsprecher und der leicht süßliche Geruch von einem Gras/Tabakgemisch durchströmt meine Nase. Als ich um einen der Büsche biege und direkt auf den Teich zulaufe, kann ich die Parkbank erblicken und die 5 jungen Männer, welche es sich dort gemütlich gemacht haben. Eine alte Dame kommt mir mit ihrem Hund entgegen, sie nickt und lächelt, wie fast immer Abends wenn sie mich erblickt. Ich bleibe auf einem ganz schmalen Rasenstreifen direkt am Ufer stehen und blicke über den Parkteich. Alle Bänke sind von jungen Leuten belagert, sie trinken ihr Bier, rauchen Zigaretten und hören Musik. Auf einer großen Wiese neben dem Teich spielen noch einige Fußball, andere liegen einfach nur in der Sonne oder haben ihren Grill mitgebracht und lassen Rauschschwaden in den Himmel steigen. Alle nutzen Sie die letzten Sonnenstrahlen dieses milden Frühlingstages. Einige werden in der nächsten Zeit nach Hause aufbrechen, andere wiederum in die Clubs der Innenstadt und ein kleiner Teil sitzt wie immer, bis spät in der Nacht auf einer der Bänke und unterhält sich. Ein ganz normaler Mittwoch in unserer Stadt! Hoffentlich bleibt es ruhig! Der Teich an dem ich mich befinde ist ein Stadtteich, parkähnlich und mit einer über 100 Jahre alten Geschichte. Umgeben von alten Villen und einem angrenzenden Regierungsgebäude ist es schon eine verrückte Umgebung, welche allerdings fast mitten in der Innenstadt meines Heimatortes liegt. Auf dem schmalen Rasenstreifen passt kaum ein Schirm, die Ruten muss ich im Wasser aufbauen und direkt hinter meiner Liege führt der Fußweg lang, welcher zu jeder Tag und Nachtzeit genutzt wird. Der Teich leidet unter einem starken Seerosenbewuchs und ist rundherum von ihnen verschlossen, die Ruten stehen in den Seerosen, die Köder liegen verteilt direkt an der Kante zum freien Wasser. Das Drillen gestaltet sich hier schwierig, oft muss man bis an das Ende der Seerosen laufen, um dort den Fisch dann zu keschern. Als ich aus meiner Wathose auf die Liege steige, ist es bereits dunkel geworden und die Straßenlaternen und Häuser beleuchten die Wasseroberfläche. Heute Abend sind wieder viele Leute hier unterwegs, die meisten freundlich oder desinteressiert, einige aber auch wieder einmal betrunken und mit dem Hang zu pöbeln. Ich kenne das bereits und auch ins Wasser fliegende Bierflaschen können mich nicht mehr wirklich aus der Fassung bringen. Ich blicke von meiner Liege über den See und warte bis es ruhiger, bis es Nacht wird, denn vorher mache auch ich hier lieber nicht die Augen zu…

Urban Style - hat auch mal was...

Fotoshooting auf dem Parkplatz

Mein Angelverein ist ein Stadtverein und wir haben einige Gewässertypen zur Auswahl, dazu gehören Seen, Teiche, Flüsse und Kanäle, aber viele davon sind halt typische Stadtgewässer, inmitten des täglichen Lebens, umgeben von Fußwegen und/oder mit verschiedenen Freizeitangeboten im oder am Wasser. Es gibt Spaziergänger, Jogger, Radfahrer, feiernde Jugendliche und nur selten Ruhe. Das diese Öffentlichkeit nicht immer einfach ist, liegt auf der Hand, aber noch ganz andere Aspekte tragen dazu bei, das diese Art der Angelei eine ganz Eigene ist. Durch die ständige Beobachtung der Menschen, die einem nicht immer friedlich gegenüber treten, durch den Mangel an Platz und aus Respekt, mit dem Wissen nur einer von vielen Gästen hier zu sein, ist es oberste Priorität sich möglichst klein und unauffällig zu verhalten. Wenig Gerät, abgestimmt auf die Situation und nur das was tatsächlich benötigt wird. Teilweise kaum Platz für einen Schirm oder das Gefühl mitten auf einer Straße zu sitzen. Tagsüber ordentlich zu füttern ist undenkbar, wer weiß wer einem zusieht und auch sonst, erkläre mal einem normalen Menschen, das du gerade 5 Kilo Teigkugeln zum Füttern der Fische in das Wasser wirfst, neben dir aber Schilder das Füttern der Enten mit Brot verbieten, da die Wasserqualität darunter leidet. Man muss oft sensibel im Umgang mit den Menschen sein und versuchen sich anzupassen. Wir haben einen Teich, der sich mitten in einem sozialen Brennpunkt befindet, man kann ruhig Ghetto dazu sagen und der Blick über den Teich endet auf dreckigen alten Hochhauswänden. Hier kann es auch mal zu Konflikten mit anderen Nationalitäten kommen, oder man wird zu der einen oder anderen „Zigarette“ auf die Parkbank eingeladen. Alleine bin ich hier ganz ungerne, doch musste ich auch schon oft feststellen, dass es eher Vorurteile waren, die einen begleiten und dieses manchmal ganz unbegründet. Ein weiteres Gewässer, oben erwähnt, ist wunderschön, aber halt fast in der Innenstadt und durch seinen parkähnlichen Aufbau Tag und Nacht umgeben von Menschen, hier ist man nie wirklich alleine und es ist schwer dort entspannt die Augen zu schließen. Durch die umliegende Beleuchtung ist es dort nie wirklich dunkel und während man an einigen Gewässern, sobald es Nacht ist, einfach „übersehen“ wird, so sitzt man hier immer sehr gut sichtbar! Es gibt einen alten Stadtgraben, der allerdings durch einen großen Park führt, dort wird bei gutem Wetter Tretboot gefahren und es wimmelt nur so von Menschen. Fast jedes unserer Gewässer ist so aufgebaut, das es für Passanten und Spaziergänger leicht erreichbar ist, es sind alles kleine, grüne Oasen umgeben von der Hektik und dem Dreck des täglichen Lebens, es sind die Orte wo die Stadtmenschen ihre kleine Ausszeit genießen und ich bin halt mitten drin und versuche dort meine Fische zu fangen. Ein Angelkollege, der aus einer ländlichen Gegend zugezogen ist, hält es bei uns keine Nacht am Wasser aus, er fühlt sich zu beobachtet und vermisst die Ruhe. Ich kann das inzwischen relativ gut ausblenden. Meistens!
Aber warum mache ich das überhaupt? Warum tue ich mir das an? Warum schlafe ich sogar unter der Brücke einer gut befahrenen Straße? Weil hier die Dicken schwimmen, weil ich die Chance auf einen Ausnahmefisch habe? Nein, nicht wirklich! Wir haben zwar einige tolle Fische, aber die ganz Dicken findet man hier nicht! Aber warum zum Teufel sitzt jemand fast mitten in der Stadt, umgeben von der Zivilisation, Autolärm und ist nervenden Fragen ausgesetzt? Ganz einfach, weil es seit Jahren ein fester Bestandteil meines Angelns und für mich fast zur Normalität geworden ist. Ich kenne es fast gar nicht anders und an manchen Tagen genieße ich sogar diese verrückte Umgebung, finde es toll mich mit den Menschen zu unterhalten, schmunzel über die erstaunten Blicke der Passanten und erlebe faszinierende Momente. Es hat einfach etwas Eigenes, morgens um 5 Uhr, wenn die Sonne aufgeht und Nebelschwaden über das Wasser ziehen, inmitten der schlafenden Stadt zu sitzen, die Ruhe zu genießen und nur eine Stunde später zu fühlen, wie alles zum Leben erwacht und der hektische Tag beginnt! Ich lebe zwar nicht in einer Großstadt, aber was hier an unseren Gewässern abläuft, darf man ruhig als „big city life“ betiteln und jedes Jahr wird es verrückter, spannender, aber teilweise auch schwieriger zum Erfolg zu kommen. Ich bin gespannt was mich in 2017 so erwartet!

Set Up am Parksee.

Pennen? Auch mal unter der Brücke.

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