23.08.16

Carp Gypsies #4 - Wiedersehen

Es war schon lang dunkel, als die Mädchen ins Zelt krochen und das Feuer langsam erlosch. Die Wiedersehensfreude war für uns aber so groß, dass wir einfach noch nicht schlafen wollten. Gilles und ich standen bei den Ruten und wollten einfach noch nicht aufhören zu quatschten. Bis es mich regelrecht durchzuckte. Sofort unterbrach ich das Gespräch. Dort, gleich vor uns, hatte ich beim Baden heute viele kleine Felsen mit den Füßen gefühlt. Beim Ablegen der tieferen Ruten fühlte ich jedoch vor allem Sand, Lehm und Schlamm. Vor allem die Rute in acht Metern Wassertiefe machte in diesem Moment auf einmal überhaupt keinen Sinn mehr für mich, nicht jetzt, im Hochsommer. Nicht in diesem schlammigen See, an dem sich Struktur nur am Ufer befindet. Dafür machte der kleine Fleck direkt vor uns, auf dem es von Krebsen sicher nur so wimmelte, umso mehr Sinn, auch wenn er inmitten der anderen Schnüre lag. Viel zu schnell und hektisch plapperte ich meine Gedanken heraus und Gilles schaute nicht schlecht verdutzt, als ich um ein Uhr nachts auf einmal die acht Meter Rute einkurbelte. Sogleich drückte ich ihm die Schleuder und den Tigernusseimer in die Hand und pendelte die einzelne Tigernuss mit Fakemais in die auf uns drückenden Wellen. Mit einem < tock > landete es in den Steinen. Gilles konnte mit der Schleuder so nah kaum füttern und warf die leicht vergorenen Nüsse lieber mit der Hand um den Hakenköder. Diese Rute gab mir unmittelbar ein sehr zufriedenstellendes Bauchgefühl. Viel besser als die drei anderen Ruten, deren Schnüre auf einmal nur störend wirkten. Also lockerten wir deren Druck und ich meinte, dass wenn eine Rute ablaufen würde, dass es genau diese sein würde. Ich erinnerte ihn auch nochmal, dass der erste Biss ihm gehörte (er hatte schon Monate nicht mehr geangelt und war nur auf einen Besuch am Wasser vorbeigekommen) und drückte ihm meine Funkbox in die Hand.

Mit leicht geöffneten Augen nahm ich die Morgendämmerung wahr. Schade – kein Biss. Ich drehte mich noch einmal im Schlafsack, doch nur Augenblicke später gab ein Bissanzeiger langsam aufeinanderfolgende Piepser. Es war die nachts geworfene Uferrute! Barfuß rannte ich über das Geröll, doch fühlte ich keinen wirklichen Zug beim Aufnehmen der Rute. Gilles kam herbei. „Wahrscheinlich nur ein Döbel“, sagte ich und drückte ihm die Rute in die Hand. Trotzdem stiegen wir sofort ins Boot und glitten in nur wenigen Augenblicken über den fast bewegungslosen Fisch. „Vielleicht eine Schleie“, meinte Gilles. In genau diesem Moment riss der Fisch die Rutenspitze unter Wasser. Der Tanz begann. Peinlichst darauf achtend, nicht in die anderen Schnüre zu kommen, hielt ich mit dem Boot in den Wellen Position. Trotzdem geriet der Fisch kurz in eine der anderen Schnüre, schwamm aber gleich wieder frei. Ich bekam einen wagen Schimmer des Fisches zu sehen und gab einen nächsten Tipp ab: „Ein kleiner Schuppi.“ Doch als sich der Fisch irgendwann mal an der Oberfläche lang machte, staunten wir nicht schlecht: Ein großer Spiegler! Als er schlussendlich im Kescher landete fragte Gilles: „Was meinst du Alex, was wiegt der?“. „Etwas unter 20 kg denke ich, besser wir wiegen ihn nicht, dann enttäuscht uns bei diesem großen, aber etwas sommermageren Fisch keine Zahl“. Zurück am Ufer: „Sollten wir ihn nicht doch lieber wiegen? Das ist echt ein Bulle!“ Und so staunten wir nicht schlecht, als die Waage 22,2 kg für diesen Döbel, Schleie, kleinen Schuppi, äh einäugigen Megaspiegler anzeigte! Buuummm! Wenn dein gutes Bauchgefühl sich wenige Stunden später in einen Traumfisch verwandelt!

Wir fotografierten den charakteristischen Fisch im warmen Nieselregen. Ob ich so einen in nächster Zeit noch einmal selber fangen würde? Fraglich, der See beherbergt nur einen sehr kleinen Bestand an großen Karpfen. Und dann gleich so einen in der ersten Nacht an diesem für uns neuen Gewässer. Tatsächlich blieb die folgende Nacht ereignislos und Gilles und Marie packten ihr kleines Trekkingzelt und zogen leider schon wieder weiter Richtung Bretagne. In der dritten Nacht jedoch meldete sich noch einmal die Uferrute. Dieses Mal nahm ich das Geschenk des Sees selbst entgegen. Es war ein Traum von einem Spiegelkarpfen. Absolut makellos und lang: auch dieser Fisch konnte den etwas säuerlich-vergorenen Nüsschen nicht widerstehen. Eigentlich verständlich – schon lecker so ein „Tigernussbier“ nach einer Krebsmahlzeit an der Uferkante.

Über 22 Kilo schwer, mit nur einem Auge

Gilles und ich mit dem Großen

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