14.07.16

Carp Gypsies Blog 1

Als ich 1995 als Jugendlicher bei einem Frankreichtrip zwei Engländer kennenlernte, die für ihren dreimonatigen Trip einfach den Job gekündigt und ihre Familien Zuhause gelassen hatten, dachte ich nur, dass sie komplett übergeschnappt waren. In Unterhosen (der eine in einer roten, der andere in einer gelben), von der Sonne verbrannt und mit einem Geruch, der an Zirkuspferde erinnerte, erzählten die Beiden mit Glanz in den Augen von ihrem zweimonatigen Blank am Cassien von Januar bis März. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und kaum waren sie weg, begannen mein Freund Stefan und ich laut zu lachen. Was für zwei verrückte Vögel dachten wir: „Mann, sind die krank! Ha-hahaha...“. Und jetzt, einundzwanzig Jahre später, schreibe ich diese Zeilen und bin seit über zwei Jahren zusammen mit meiner Freundin Caroline unterwegs beim Karpfenangeln.

Wir wollten einfach mal abhauen, weg vom Alltag und hinein in ein großes Abenteuer. Ob das Wochen, Monate oder Jahre werden sollten, wussten wir nicht. Genauso wenig wie wohin der Trip gehen sollte. Grob Richtung Süden, denn eigentlich wollte Caroline zuerst mit mir auf einen Rucksacktrip durch Argentinien oder Brasilien. Den Vorschlag eines Angeltrips durch (Süd-)Europa fand sie aber auch sofort klasse und so kündigten wir kurzerhand Job und Wohnung, verkauften ein Auto, die Waschmaschine, überschüssigen Hausrat und brachen nur drei Monate später, am 1. Februar 2014, auf, um Verrücktes zu erleben. Und dabei kannten wir uns noch nicht mal ein Jahr...

Freundschaft!

Alex im Drill!

Die ersten Monate dieses Trips waren einfach unbeschreiblich. Ein wahres Feuerwerk der Emotionen! Denn neben dem fast surrealen Hochgefühls, das man nur bekommt, wenn man quasi alles hinter sich lässt, sorgten auch noch ein kaputtes Getriebe (am zweiten Tag unseren Trips!), eine Invasion von Mäusen in unser geparktes Auto und heftigste Winterstürme im Süden Frankreichs für einige Aufregung. Doch stabilisierten sich die Aufregungen der ersten Wochen und wir erlebten ab April eine wirklich unglaubliche Zeit in Spanien und später wieder zurück in Frankreich. Wirklich alles was wir versuchten, klappte. Wir waren frei wie die Vögel und fingen dazu noch fantastische Fische! Und das sollte noch lange anhalten...

Letzten Winter veröffentlichten wir dann ein Buch („Carp Gypsies“, auf Deutsch und zum Beispiel erhältlich auf unserer Webseite www.pinkheron.org) und zum ersten Mal seit langem hatte uns die Realität wieder. Wir tourten durch Deutschland, Österreich und Holland, von einer Karpfenmesse zur anderen, wohnten bei Freunden und unseren Familien, versendeten Bücher und harrten während einem der feuchtesten Winter, die ich je miterlebt hatte, vor allem in vier Wänden aus, die Glotze lief dabei immer häufiger, immer öfter wurde durch Facebook gescrollt und wir bekamen dabei einen regelrechten Kulturschock. Von der Stille und Einsamkeit an Gewässern mit bis zu über 5000 Hektar zu der scheinbar überall und allzeit gegenwärtigen (und nicht ganz ungerechtfertigten) Angst vor demografischen Veränderungen, Kriegen und Anschlägen und natürlich den heute so üblichen Sorgen über eine finanzielle Sicherheit in der Zukunft. Es fühlte sich an, als ob uns ein brachiales Erdbeben beim Meditieren auf dem Himalaya heimsuchte. Die Folgen davon waren alles andere als positiv, wir trafen einige Fehlentscheidungen und es dauerte tatsächlich Monate bis wir die dadurch entstandenen Folgen wieder unter Kontrolle hatten (ich erspare hier Details).

Doch hat sich das Blatt wieder gewendet. Wir haben dem alltäglichen Wahnsinn wieder den Rücken gekehrt und uns wieder einfach vom Acker gemacht, hinein in den zweiten Level unseres Abenteuers. Unseren Schlüsselbund ziert noch immer kein Wohnungsschlüssel, stattdessen düsen wir weiter mit Zelten und Wohnwagen durch die Gegend. Und dabei sind wir nicht alleine: Wir teilen unseren Trip mit einem anderen Angelaussteigerpärchen, Patricia und Alex von Carp Watercraft. Zusammen wollen wir dieses Jahr wieder Richtung Südfrankreich, Spanien und Portugal fahren, immer auf der Suche nach Abenteuer, traumhafter Natur und wilden Karpfen. Und während ich diese Zeilen schreibe, sind wir schon mittendrin. Letzte Woche haben wir an einem kleinen, schnuckeligen See in den französischen Voralpen geangelt, haben dann Patricia und Alex auf einem Biobauernhof getroffen, wo wir in der Nähe unsere Kupplung erneuern ließen und etwas bei der Ernte geholfen haben. Jetzt folgen wir endlich wieder dauerhaft dem Ruf des Wassers, nach so vielen Monaten von nur sporadischer Angelei. Doch mehr dazu später, wieder hier auf der Korda Webseite.

Zusammenhalten!

Die Stille genießen!

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