06.06.16

Das Ausweichmanöver - Etienne Gebel

Wieder sitze ich fassungslos unter meinem Schirm. Soeben ist mir ein weiterer Karpfen im Drill ausgeschlitzt. Es ist die Nummer 4 in Folge und ich kann es nicht fassen was gerade bei mir passiert. Seit mehreren Wochen habe ich keinen Fisch mehr gefangen. Mein ausgewähltes Gewässer ist klein und langgezogen, dazu mit einer Durchschnittstiefe von etwa 1.2 Meter relativ flach. Hier schwimmen zwar keine Giganten, aber ein paar außergewöhnliche schöne und auch sehr alte Fische. Diese habe ich schon mehrfach in kürzester Entfernung vor meinen Füßen beobachtet. Es sind nicht die traditionellen konditionierten Boiliefische die man kennt, sondern eher jene die mit natürlicher Nahrung gewachsen sind. Und heute noch wachsen. Die Fischdichte ist nicht besonders hoch und mit einem bis zwei Anbissen pro Sitzung, kann man schon recht zufrieden sein. Wenn man diese dann auch ins Netz bekommt. Leider klappt genau das bei mir zurzeit absolut nicht. Egal was ich mache, es geht einfach schief. Mein Selbstvertrauen, welches man durch das Fangen von Fischen bekommt ist kaum mehr vorhanden. Noch nie habe ich in all den Jahren solche Schwierigkeiten und Zweifel an meinem Handeln gehabt. Ich würde momentan jedes Rig dranhängen, welches mir ein anderer Karpfenangler gibt, wenn ich wüsste der Fisch landet damit im Netz. Es gibt sicherlich schlimmeres im Leben als Fische zu verlieren, aber man geht doch auch ans Wasser um etwas zu fangen. Keines meiner Vertrauensrigs funktioniert hier! Genau hier an diesem kleinen magischen Ort gelten scheinbar andere Gesetze. Beim Karpfenangeln geht es nicht immer bergauf, aber die momentane Talfahrt bedingt durch Misserfolge hat mir so dermaßen zugesetzt das ich fluchtartig das Wasser verlasse. Zuhause angekommen, ziehe ich nach einer Dusche und einem kräftigem Kaffee neue Schnur auf meine Basia Rollen. Zum Baggersee soll es nächstes Wochenende gehen, in der Hoffnung dort mit ein paar Karpfen auf der Matte das nötige Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Ein Ausweichmanöver sozusagen! Die Woche auf der Arbeit zieht sich wie ein Kaugummi. Am Mittwoch nach getaner Arbeit füttere ich meine Plätze nochmals gut an.

Fassungslos, ratlos, mies gelaunt...

Kleine Gewässer müssen längst nicht einfach sein

Freitag Abend etwa 20.00 Uhr am Baggersee – Seit 2 Stunden liegen die Ruten. Genau in den Clip geworfen in korrekter Entfernung zur abfallenden Kante. Alles scheint perfekt. Ich liege auf der Liege im Zelt. Bin müde! Die letzten Nächte mit unsere beiden Kindern waren anstrengend. Wenig Schlaf als Gefolge! Ich lasse gerade die Woche Revue passieren, als sich eine meiner Ruten mit langsam abziehenden Bremse und Dauerton meldet. Ich fliege förmlich zur Rute und nehme Kontakt auf. Jetzt muss alles glatt gehen. Neue Schnur und sauber gebundene Rigs sind montiert. Der Fisch klebt am Boden fest. Ich spüre, dass mein Gegenüber Gewicht hat. Ich drille ganz langsam, will den Fisch nicht verlieren. Nach etwa 10 Minuten macht es Peng! Die Spitze schwingt zurück. Ich kurbele meine Montage zurück und sehe dass mein Vorfach gerissen ist. Eine Welt bricht zusammen. Ich kann es kaum in Worte fassen und zu Papier bringen, aber es war bestimmt gut dass ich zu diesem Zeitpunkt alleine dort war. Die Rute fliegt im hohen Bogen ins Gras. Was habe ich nur verbrochen, dass ich diese Saison so auf die Schnauze bekomme frage ich mich!? Ich brauche eine längere Zeit, bestimmt 30 Minuten um mich zu beruhigen. Irgendwie schaffe ich es trotzdem mich wieder zu motivieren und die Rute neu an den Platz zu werfen. Mit einem schnellen ziiiiipppp ziehe ich die Bude zu und hasse mich und die Welt. Bis zum nächsten Morgen fange ich dann glücklicherweise doch noch 2 schöne Karpfen. Die nasse Matte und der Wiegesack über unserem Gartenzaun kommentiert meine Frau mit: Na siehst Du es klappt doch. So richtig freuen kann ich mich jedoch über die Fische nicht! Zu tief sitzt der Dorn noch und zu sehr habe ich noch das kleine Gewässer im Kopf...

Ein kräftiger Fisch - endlich wieder

Ein Fangbild mit mir drauf, es geht doch noch

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