31.10.16

Der Geburtstagsfisch - Jens Berntsen

Ein zähes Jahr neigt sich dem Ende. Zäh verlief meine Saison deshalb, weil ich aus verschiedenen Gründen nie wirklich eine Kontinuität in meine Fischerei bekam. Wir Angler sind ja nun mal dazu geneigt, unser Unvermögen aufs Wetter oder andere Faktoren zu schieben. Man muss schon eine gehörige Portion Selbstironie haben um sich selber einzugestehen, dass „Mann“ in der ein oder anderen Situation einfach scheiße geangelt hat. Oft waren die Bedingungen aber so optimal, dass selbst ein Blinder Fische gefangen hätte. Aber meine Bissanzeiger blieben viel zu oft stumm. Über das Jahr 2016 könnte ich sicher ein Buch schreiben. Mit dem unrühmlichen Titel „Das verkorkste Jahr“.
Und wie das so ist, wenn etwas nicht so läuft wie es eigentlich sollte kommt oftmals auch noch Pech dazu. Aussteiger, Platz besetzt, Wind kaputt usw. Aber genug der Jammerei. Wenn ich eins in den Jahren gelernt habe, ist es, dass man sich aus seinem eigenen Schlamassel am besten selber befreit indem man den Mut nicht verliert und einfach weiter macht. Kleine Änderungen in der Futtertaktik oder das Vertrauensrig einfach mal Vertrauensrig sein lassen und was ganz verrücktes versuchen sind manchmal der Schlüssel zum Erfolg. Ein Saisonretter musste her. Aber wie? Der Oktober war voller Termine. Auch wenn ich es genieße, mit Freunden und der Familie meine Zeit zu verbringen rückte der Saisonretter mehr und mehr in weite Ferne.

Hinzu kam auch noch mein eigener Geburtstag Mitte Oktober. Ich hatte eigentlich keine große Lust auf viel Tamtam. Und als ob meine Frau es in meinem Gesicht hätte lesen können, räumte sie mir die Möglichkeit ein, auf meinem Geburtstag angeln zu gehen. Das Wetter war eh zu unbeständig um mit den Kindern irgendwo hinzufahren. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Als ich mir ein Bild über meinen Boilievorrat machte, vielen mir etliche Kilos 25mm in die Hände. Eine Ködergröße auf die ich immer wieder zurückgreife. Mit großen Ködern ist man einfach selektiver und auch das Weißfischproblem was man an dem ein, oder anderen Gewässer hat, lässt sich so auf ein Minimum reduzieren. Diesmal musste es klappen. Mir blieben noch drei Tage einen Platz vorzubereiten. Ich entschied mich für eine Stelle an einem Baggersee, von der aus ich sämtliche Wassertiefen anwerfen konnte. Angefangen von der Uferkannte die steil bis auf acht Meter abfiel, gab es im Freiwasser noch Bereiche die bis zu dreizehn Metern tief waren. Um möglichst viele Fische in den Bereich zu ziehen, entschloss ich mich dazu, den Platz sehr groß und oft zu füttern. Das bedeutete ca.5 Kilo Boilies verteilt auf Tennisplatzgröße jeweils am Morgen und am Abend. Mit dieser Taktik geht man sicher, dass die meiste Zeit Futter am Platz liegt wenn auch Fische vorbei kommen. Die drei Tage vergingen wie im Flug. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit der Familie machte ich mich mit unserem Hund Toni auf den Weg zum See. Mit gemischten Gefühlen buckelte ich mein Tackle zur Stelle. Ein etwas schlechtes Gewissen hatte ich schon. Schließlich verbringt man auch gerne seinen Geburtstag mit seinen Lieben Zuhause. Sollte ich doch einfach wieder alles ins Auto packen und die Kinder überraschen? Der Engel auf meiner Schulter wollte mir gerade etwas ins Ohr flüstern als sich mitten auf meiner Futterstelle ein Fisch zeigte. Kurze Zeit später zeigte sich ein anderer. „Bingo“ kurzer Anruf zuhause, um das Gewissen zu beruhigen und in Rekordzeit die Ruten montiert. Als Montage wählte ich ein einfaches Bodenrig bestehend aus IQ2 in 20Lbs und einem 4er Wide Gape X. Um der ganzen Sache die nötige Bewegung zu geben, verwendete ich als Haar Super Natural in 18Lbs. Das ganze gepaart mit einem gelben Kicker in Large, der sicher die Neugierde der Fische wecken würde und als netten Nebeneffekt den Haken wunderbar in Position bringt.

Alles verlief nach Plan. Bis zum Abend hatte ich bereits drei Fische auf der Habenseite. Hierbei handelte sich ausschließlich um Schuppies bis Mitte 30 Pfund schwer. Die Fische waren voll da. Um meinem Futtermodus beizubehalten verteilte ich nochmal fünf Kilo Boilies über den Platz und legte mich nach einem kleinen Schlaftrunk in die Waagerechte. Gefühlte fünf Minuten später stand ich wieder mit gekrümmter Rute am Ufer. Diesmal fühlte sich mein Gegenüber etwas schwerer an. Der Fisch blieb die ganze Zeit über im tiefen Wasser. Nach Zehn Minuten zähen Ringen sah ich zum ersten Mal im Schein meiner Kopflampe den massiven Fisch an der Oberfläche. Was ich aber noch deutlich erkennen konnte war, dass es nicht nur ein großer Spiegler war. Wenn mir meine Augen einen nicht allzu großen Streich spielten, erkannte ich deutlich eine Schuppenzeile, die komplett ohne Unterbrechung den Fisch zierte. Ein Wechselbad der Gefühle überkam mich. Die Ereignisse der letzten Monate schwirrten in meinem Kopf herum. Doch alle Zweifel waren unbegründet. Kurze Zeit später lag der massive Fisch im Kescher. Die Waage offenbarte was ich schon vermutet hatte. Mit 26 Kilogramm der schwerste Zeilenkarpfen den ich jemals gefangen hatte. Ein Fisch der alle Selbstzweifel und Unsicherheit in einem Schlag weggewischt hat. Bis zum Morgen konnte ich noch zwei weitere Fische übers Keschernetz führen. Alles lief wie selbstverständlich. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht trat ich den Heimweg an. Zuhause angekommen nahm mich meine Familie in Empfang. Vielleicht hatten sie mir unbewusst das schönste Geburtstaggeschenk aller Zeiten gemacht?

Ich verwende oft Fluorocarbon als Vorschaltschnur vor der Geflochtenen

Ein gelber Kicker rundete das Rig ab

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