09.12.15

Die ewige Dunkelheit - Etienne Gebel

Wir schreiben Samstag Abend 20.30 Uhr Mitte November. Alleine und Gott verlassen, sitze ich in meinem Tempest Bivy und reibe mir mit einem Handtuch den Kopf trocken. Draußen ist es wie immer stockfinster und es gießt wie aus Eimern. Die Regentropfen trommeln auf die dünne Außenhaut des Zeltes. Der Wind bläst sturmartig. Ich höre die bereits leergefegten Äste heulen. Meine Laune ist mal wieder auf dem Tiefpunkt. Bereits beim Aufbauen bekomme ich die volle Ladung Regen ab. Alles ist nass, es ist richtig ungemütlich. Besonders wenn man nass und einem kalt ist. Ich frage mich warum ich mir das überhaupt noch antue. Der Wetterbericht hat exakt das gemeldet. Und es ist eingetreten. Ich hätte zuhause bleiben sollen, oder nur eine Tagessitzung machen sollen. Noch gestern, am Freitag habe ich meine beiden Kids beaufsichtigt, mit ihnen gespielt und im warmen Heim gesessen. Heute sieht alles komplett anders aus. Statt gemütlich auf dem heimischen Sofa vor dem Fernseher in der bequemen Jogginghose, sitze ich nun ich gebückter Haltung in nasser Montur auf dem Bedchair und hasse mich selbst. Was machst Du nur? Warum kannst Du verdammter Sturkopf nicht einfach mal zuhause bleiben – denke ich! Der einzige Wehrmutstropfen ist, das die Ruten perfekt liegen, ich soeben die Zeltheizung angemacht habe und mir gleich den trockenen Jogger samt Kapuzenpullover überziehe. Es dauert eine Weile und das Zelt erwärmt sich in recht angenehmer Temperatur. Draußen wird der Regen und Wind immer kräftiger. Der Wetterdienst gibt weitere Unwetterwarnungen heraus! Selbst das stabile Tempest Zelt wackelt wie verrückt und ich hoffe das es den Naturgewalten standhält.

Es muss so gegen 22.00 Uhr gewesen sein als ich einschlafe, will nichts mehr von der Welt sehen und hoffe, dass kein Anbiss kommt. Etwa 23.30 Uhr es wird sehr hektisch, der Delkim meldet sich. Ich habe Schwierigkeiten den Reißverschluss zu finden. Mit einem lauten zippp reiße ich förmlich die Tür auf und renne runter zu den Ruten. Leider hat der Regen das Ufer so weich gespült, dass ich mich lang lege. Wie ein Käfer auf dem Rücken, liege ich in der lehmigen Schrägen und versuche die Rute zu greifen. Ich darf nicht zu viel Zeit verlieren, denn meine Ruten liegen nicht weit entfernt von Wurzelwerk und Hindernissen unter Wasser. Es gießt aus Eimern und ich bin neben dem lehmüberzogenen Rücken und Hinterteil in wenigen Minuten komplett durchnässt. Ein Baumwollkapuzenpullover und Jogginghose saugen sich in Sekunden mit Wasser voll. Warum tue ich mir das an – rufe ich laut über den See. Die Freude über den 30 er Schuppi hält sich in Grenzen. Dazu kein fertiges Rig mehr – war ja klar. Also tackle Box raus und eines binden. Nachts ich hasse es! Es ist noch stürmischer geworden und ich bekomme selbst nach mehreren Versuchen die Rute nicht mehr auf den Platz. Der Wind ist einfach zu stark – die Entfernung von etwa 80 Metern zu groß. Ich kapituliere, werfe die Rute vor Wut in die Sträucher und verschwinde im Zelt. Und wieder frage ich mich was ich in dieser ewigen Dunkelheit mache. Wenn ich eh nicht effektiv angeln kann, könnte ich besser zuhause bleiben.

Unauffällig, aber attraktiv

Wide Gape XX Größe 2 - keine Kompromisse

Kurzzeitig sackt meine Laune so tief, dass ich überlege jetzt noch einzupacken. Ja genau um exakt 00.30 Uhr. Doch die Vernunft siegt, denn das Zelt hätte ich sicher nicht bei dem Sturm einpacken können. Hätte ich die Sturmstangen und Häringe gelöst, wäre das ganze wie ein Drache abgehoben. Sonntag ca. 8.30 Uhr - der Wind hat deutlich an Kraft verloren, ich stampfe im Rekordtempo die Sachen in den Wagen. Ich brauche Abstand zum Angeln und will einfach nur noch nach Hause. 2 Stunden später bin ich frisch geduscht, habe was warmes gegessen und schmiede schon wieder neue Pläne. Das Nachtangelequipment bleibt jetzt erst mal zuhause. Ich fische ab sofort wieder tagsüber! Aber ich gehe los und bleibe nicht Zuhause. Es ist wie eine Sucht, das Jagdfieber lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Samstag genau eine Woche später ziehe ich im Morgengrauen meinen mit Rädern montierten Karpfenstuhl über die matschige Wiese zum Platz. Nur einmal laufen und alles ist am Platz. Nur etwa 10 Minuten später sitze ich bereits mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinter den Ruten. Ich fische noch etwas näher vor den Hindernissen, unter die sich die Fische jetzt zum Winter hin höchstwahrscheinlich zurückziehen. Ich habe noch stabileres Material gewählt. Darunter einen etwa 20 Meter langen XT Snagleader in 60lb, gepaart mit einem 50 lb Arma Kord Vorfach und XX Haken der Größe 2. Ich habe neue Pläne und werde versuchen mit Tagesansitzen hier den Winter durchzufischen. Das zuletzt erlebte ist bereits vergessen und ich kann nach einer anstrengenden Arbeitswoche endlich wieder genießen. Mein Blick schweift über den See, ich sitze direkt an den Ruten. Keinen Meter werde ich mich entfernen. Zu hoch ist das Risiko auf Fischverlust! Um 10.15 Uhr verneigt sich die rechte Rute, meine Taktik scheint zu stimmen. Ich nehme Kontakt auf und schaffe es den Fisch glücklicherweise sofort in meine Richtung zu lenken. Mit deutlich mehr Freude als beim Schuppi vom letzten Wochenende ziehe ich einen kugelrunden Spiegler ins Netz...

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