13.06.17

Die verdammte erste Flucht - Simon Gehrlein

„Die erste Flucht gehört dem Fisch!“ – Ein Satz, der mir aus gegebenem Anlass erst kürzlich wieder schmerzlich über die Lippen ging. Seit meinen allerersten Runs in den Kindertagen hatte er sich eigentlich fest in die Windungen meines Gehirns geschlungen. Doch dieses Mal war die Gier zu groß. Die Gier, einen der beiden schönen Karpfen die da kurz vor den Hecken am gegenüberliegenden Ufer ihre Köpfe zur Nahrungsaufnahme senkten, abzugreifen. Hinzu kam, dass es nun mal zu der Zeit der einzige Platz war, an dem sich die schuppigen Jungs aktiv zeigten! Einfach zu verlockend, ich konnte mich einem Versuch nicht entziehen. Und mit hart eingestellter Bremse, dicker Schlagschnur, dem dickdrahtigen Kurv Shank XX und ca. 5 Meter Sicherheitsabstand sollte es schon klappen, oder?
Das Ende vom Lied war, dass ich trotz blitzschneller Rutenaufnahme den Fisch weder in die gewünschte Richtung lenken noch halten konnte und er sehr schnell in den Büschen verschwand. Ein paar Sekunden später schickte er nur noch den blanken Haken in meine Richtung. „Bad angling“ – keine Frage!

Nur zwei Tage später war ich am See zurück und sollte unbedingt genau an derselben Stelle die Fische erneut antreffen. Mir war klar, dass ich – sollte ich es erneut aus dem gleichen Winkel probieren – wieder keine Chance hätte. Also entschied ich mich dazu, es genau aus der entgegengesetzten Richtung zu probieren. In 90% der Fällte zieht ein gehakter Fisch gegen den Zug den Anglers und diese Tatsache wollte ich mir jetzt zu Nutze machen: Ich positionierte die Ruten folglich direkt zwischen den Büschen vor denen ich angeln wollte, parkte mein kleines Boot ebenfalls darunter und platzierte die Hakenköder auf genau dem selben Quadratmeter wir zur Session zuvor.
Der einzige Unterschied war jetzt, dass ich statt von der gegenüberliegenden Seite an die Büsche zwischen ihnen durchangelte und den Druck somit aus der entgegengesetzten Richtung aufbauen konnte. Wie zuvor auch, sollten zwei schwerelose Bodenköder („Wafter“) einen der Fische überzeugen. Als Haken verwendete ich erneut den dickdrahtigen Kurv Shank XX auch wenn ich jetzt eher mit einem stressfreien Drill im Freiwasser rechnete. Die Safety-Clip-Montage wurde mit einem 3,5 oz Blei versehen und die letzten cm der Schlagschnur mit Flying-Back-Leads zum Absinken gebracht (3,5 oz entsprechen ca. 100 Gramm. Das eigenhändische Nachfeilen der Hakenspitze erlaubt es mir dank des rattenscharfen Resultats, etwas weniger Bleigewicht als üblich zu verwenden und trotzdem einen perfekten Selbsthakeffekt zu erzielen. Das etwas leichtere Gewicht ist für den Drill absolut hilfreich).
Die Bremsen stelle ich nicht zu hart ein, damit ein sich hoffentlich hakender Fisch gegen den Druck vom Hindernis entfernen kann und ich anschließend in sicherem Abstand zu den Hecken in den Drill übergehen kann.

Wie gut diese theoretischen Überlegungen auch in der Praxis funktionieren sollten, zeigte sich noch in der gleichen Morgensession kurz nach dem Ausbringen der Köder: Mit Dauerton meldete sich schon gegen 8 Uhr der Delkim und ließ die Spannung in mir aufkochen. Als der Fisch unmittelbar den Uferbereich verließ und Richtung Seemitte zog, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen –„good angling!“.
Der anschließende Drill war kurz aber gut und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Keine Frage, an diesem Tag hatte ich Vergessenes wieder erlernt und durfte spüren, wie gut es sich anfühlt, wenn man mit klarem Kopf und Verstand Entscheidungen am Wasser trifft: „Denn die erste Flucht gehört dem Fisch!“

Kurv Shank XX, perfekter Hindernisgreifer

Dickes Ding, es hat geklappt

News ArchiveNEWS ARCHIVE

ARCHIVE