13.07.15

Dschungelfieber - Andreas Hetzmannseder

Langsam arbeite ich mich vor, Meter für Meter, Flossenschlag für Flossenschlag. Mein Blick ist auf den Gewässergrund gerichtet, über den die gespannte Schnur meiner abgelaufenen rechten Rute verläuft. Vermutlich über 100-150 Meter Schnur fehlen am Spulenkopf und es bewegt sich rein gar nichts mehr. Mein Rig steckt fest, aber wie! Wildes rütteln mit der Rute am Ufer, langsamer, aber stetiger Druckaufbau, fast kein Druck in der Schnur – einfach nichts half. Die Rute musste ich für mehrere Minuten ablaufen lassen - ich war im Drill mit einem vermeintlich guten anderen Fisch, kampfstark war er jedenfalls, zog gleichmäßig im tieferen Wasser seine Bahnen und ich wollte ihn unbedingt kriegen.

Nun, gut 20 Minuten später, wusste ich, dass ich mir vermutlich keine Hoffnungen mehr auf den 2. Fisch des Doppellaufs machen konnte – unkontrolliert riss er Unmengen an Schnur von der Rolle und ließ scheinbar kein Hindernis aus. Meine Schnur grub ich nach und nach aus 4 Krautfeldern aus, jedes einzelne so groß wie ein durchschnittlicher PKW, da konnte man vom Ufer aus natürlich keine Chance haben. Ein letztes Mal wollte ich noch hinunter in das gut 4,5 Meter tiefe Wasser, ich wusste, dass mein Rig geradewegs im Krautfeld unter mir vergraben liegen sollte, schließlich schnitt sich meine geflochtene Schlagschnur schon in die Innenseite meiner Handfläche ein. Ein tiefer Luftzug, ein kräftiger Flossenschlag und runter mit dir in die Fluten – irgendwo da muss das Rig hier doch liegen. Noch auf dem Weg Richtung Gewässergrund wurde mir die nach und nach gewonnene Schlagschnur aus der Hand gerissen und plötzlich tauchte eine Wand von Schuppenkarpfen im Gesichtsfeld meiner Taucherbrille auf - er war noch dran, und was für ein Teil das war! Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Unter Luftnot versuchte ich schnellstmöglich an die Wasseroberfläche zurückzukommen und schrie wie ein Verrückter in Richtung Ufer, wo meine Freundin im Schatten saß, sie solle schnellstmöglich Druck aufbauen, da war noch einer dran!

Doch alles der Reihe nach. Bedingt durch einen verdammt unbeständigen Mai sind die Fische im Juni noch immer nicht mit dem Laichen durch. In den 3 vergangenen Tagen musste ich um jeden Biss kämpfen – es war zwar keine Kunst, die Fische zu lokalisieren – eher schon offensichtlich. Doch fressen? Nein, das stand nicht wirklich auf der Tagesordnung. Ich fischte mehrere verschiedene Spots ab, mal mehr und mal weniger erfolgreich und ich wurde das mulmige Gefühl nicht los, dass meine Platzwahl nicht sehr optimal war. Zumindest einen Biss hatte ich jedoch an jedem Spot. Teils abgelaichte Fische die wieder am fressen waren, teils auch Fische die ihre Bäuche noch gefüllt hatten, allerdings durchweg kleinere. Für den letzten Morgen meiner 4-tägigen Session wollte ich noch mal auf Risiko gehen und befischte als 5. und finalen Platz ein kleines Plateau das dem vermeintlichen Laichareal vorgelagert war. Die Anzahl an Rutenlängen hatte ich noch vom Vorjahr in meinem Büchlein aufgeschrieben und übertrug die Distanz über meine Distance Sticks auf die Rollen.

Als pünktlich um 3:30 des letzten Morgens mein Wecker klingelte und der erste Kaffee aus der Bialetti dampfte, konnte ich es kaum mehr erwarten. Ich war nervös und erwartungsvoll zugleich – ich hatte in den vergangenen Tage Riesenfische gesehen, aber nicht fangen können, sie waren einfach zu sehr mit dem Laichen beschäftigt. Mit meinem neuen Spot, der nicht weit dieses Areals entfernt war, rechnete ich mir gute oder zumindest bessere Chancen aus, die großen Fische, die erfahrungsgemäß etwas später ablaichen, auf ihrem Weg in das seichte Areal abzufangen. So zumindest der Plan. Schon in den frühen Morgenstunden lief es wie am Schnürchen. Nicht weniger als 7 Läufe gingen an diesem Morgen in kurzer Zeit auf mein Konto, einige Fische davon schon abgelaicht, andere jedoch noch prall gefüllt. Dann kam ein Doppellauf zweier richtiger Kracher. Noch während ich im Drill mit einem kampfstarken Fisch, der gleichmäßig im tiefen Wasser seine Bahnen zog, war, begann meine zweite Rute Fahrt aufzunehmen. Den ersten wollte ich unter keinen Umständen verlieren und drillte konzentriert weiter, den zweiten glaubte ich schon nach wenigen Minuten verloren, zu gut kannte ich die Unterwasserwelt an diesem Pool, zu gut die mehrere Quadratmeter großen, dichten Krautfelder. Es half alles nichts – nachdem der erste Fisch des Doppels sicher versorgt war, machte ich mich auf den Weg in Richtung des zweiten Fisches, überzeugt davon, nur mehr das Rig aus den Krautfeldern zu bergen. Nach und nach arbeitete ich mich vor...

An diesem Punkt springe ich wieder zurück in die Gegenwart, ins Wasser sozusagen ☺.
Wie ein Verrückter schrie ich von der Seemitte in Richtung Ufer zu meiner Freundin sie solle die Rute aufnehmen und versuchen zu drillen, nahm ungewollt mehrere Male einen Schluck Wasser und kam total aus der Puste wieder am Ufer an. Einige bange Minuten später konnte ich mit viel Druck in der Rute ein halbes Krautfeld an mich heranpumpen, und unter ihm begraben war noch immer der riesige Schuppi, mit dem ich mich im Zweikampf in 4,5 Meter tiefem Wasser messen musste. 21,7kg wog der zweite Fisch des und immerhin noch satte 20,9kg der Erste. Ich war erledigt – dieser Morgen hatte es wahrlich in sich. Die Fotosessions brachten wir in wenigen Minuten über die Bühne und noch bevor die ersten Horden von Badegästen an diesem Freitagmorgen den See stürmten, war mein Tackle weggepackt und meine Speicherkarte gefüllt mit tollen Bildern. Ich bekomme noch immer Gänsehaut wenn ich an die Sekunden im Wasser denke, die sich wie Stunden anfühlten.
Grüße, Andreas Hetzmannseder

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