06.06.17

Karpfen in Australien - Gerald Melzer

Als professionellen Tennisspieler verschlägt es mich beruflich jedes Jahr im Jänner nach Australien, zu einem der vier bedeutendsten Events im Jahr, dem Grand Slam in Melbourne. In meiner Heimat waren die Gewässer mittlerweile mit einer Eisschicht bedeckt, somit blieb mir mehr Zeit zu recherchieren, was ich denn in Australien mit meiner Reiserute so anstellen könnte. Das Vorbereitungsturnier in der Hauptstadt Australiens, Canberra, schien dafür perfekt. Im Herzen der Stadt liegt der rund 660 Hektar große Stausee, der so gut wie alle in Australien beheimatete Fischarten beherbergt, darunter auch unserne sogenannten "european Carp", und diesen, laut Internet, in großen Mengen. Meist waren auf den Bildern kleine und schlanke Schuppis der 1-3kg Klasse zu sehen. Aber um Größe ging es mir bei diesem Mini-Abenteuer wirklich nicht.

Im Gepäck hatte ich eine Reisespinrute und eine 2,70m Teleskoprute. Diese passten ohne Probleme in meine Reisetasche. Dazu zwei kleine Rollen, einen Bankstick mit Bissanzeiger und eine kleine Tasche mit Kleinkram, die mich in den meisten Fällen zum Ziel bringen sollten. Durch die Einreisebestimmungen Australiens waren mir zwecks Köder leider die Hände gebunden und so musste ich mich, wie in alten Zeiten, vor Ort auf Supermarktbaits beschränken.

Das Hotel lag geschätzte 300 Meter vom See entfernt und so wurde der erste freie Nachmittag gleich genutzt, um sich das Ganze mal genauer anzusehen. Im Hauptteil des Sees konnte ich keine Fische ausmachen, jedoch in einem kleinen Arm, der voll mit überhängenden Büschen, Seepflanzen und Schilf war, konnte ich sie finden. Im trüben Wasser zogen sie an der Oberfläche herum und schlürften immer wieder Fressbares ein. "Jackpot" dachte ich mir, das sollte ein Kinderspiel werden.

Bewaffnet mit Schwimmbrot und Dosenmais versuchte ich die nächsten drei Tage, jeweils für 3-4 Stunden, einen dieser kleinen Schuppis zu überlisten. Woran ich kläglich scheiterte. Ich war mir sicher, meine Köder an Stellen präsentiert zu haben, an denen Karpfen bereits gefressen haben, doch selbst das Vorfüttern am Abend zuvor brachte nichts.

Mittlerweile war das Turnier für mich vorbei und am nächsten Tag ging es weiter nach Melbourne. Auf keinen Fall wollte ich ohne Fisch hier abreisen. Und dann kam mir die Idee, es wie die Amerikaner zu machen, die Antwort lautete "Packbaits". Bei uns zuhause wenig bekannt, aber in den USA, die am häufigsten genutzte Methode, auf Karpfen zu angeln, speziell bei "Cups". Also wieder rein in den Supermarkt, die nötigen Zutaten besorgen, das waren Haferflocken, Cream Corn, Ahornsirup und aus der Backwarenabteilung noch Vanilleextrakt. Ob das nur annähernd funktionieren würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, aber ich wollte nichts unversucht lassen. "Packbaits" werden im Prinzip wie bei uns die Method-Methode gefischt. Man formt einen Ballen und knetet diesen um das Blei, dazu ein kurzes Vorfach mit 2 Maiskörnern. Im Hotel wurde noch ein wenig herumgedoktert, in welchem Verhältnis alles zusammengemischt wird, damit man die richtige Löslichkeit erhält. Beim dritten Versuch war das Ergebnis dann für mich zufriedenstellend.

Mein Plan war es, 3-4 Kilogramm anzumischen und abends im Hauptteil nach Fischen zu suchen. Dann ordentlich Futter drauf und am letzten Morgen noch einen letzten Versuch zu starten. Und tatsächlich, mit Einbruch der Dunkelheit zeigten sich Fische so gut wie überall im See, doch vermehrt auf einer Stelle. Mein Futter brachte ich gerade noch weit genug hinaus, um die Stelle zu erreichen. Danach brauchte ich gefühlt zwar eine neue Schulter, aber die würde sich auch wieder erholen.

Die Stunde der Wahrheit! Der 15minütige Marsch zum Platz verging vor lauter Aufregung in Windeseile. Am Platz angekommen, lagen die Montagen fünf Minuten später auf den Spots. Nun saß ich da, in der Wiese, mit Blick auf die Ruten und das Wasser und fragte mich, ob in den nächsten drei Stunden etwas passieren würde, oder die Delkims wieder schweigen würden. Alle Zweifel verflogen ein paar Augenblicke später mit einem Vollrun. Sofort merkte ich, dass es sich um keinen Giganten handelte, aber ich war trotzdem nervös ohne Ende. Alles ging gut und der Fisch wurde sicher gelandet. Beim Zurücksetzen lief auch schon die zweite Rute ab, und so entwickelten sich die nächsten 3 Stunden zur Dauerarbeit. Die Fische waren ganz verrückt nach dem Zeug. In mir machte sich das Gefühl von Zufriedenheit breit, nach so vielen Versuchen endlich die richtige Methode gefunden zu haben. Als Highlight war dann unter all den Schuppis auch noch ein kleiner aber feiner Fully Scaled dabei.

Kurz möchte ich auch noch auf den Stellenwert eingehen, die unsere "heilige Kuh" in Australien als Zielfisch hat. Wie anfangs erwähnt, gilt der "european carp" als landesweite Plage in Australien. Es ist schockierend, auf welche Bilder und Gruppen man bei der Suche im Netz stößt. Es werden Gemeinschaftsangeleien veranstaltet, sogenannte "carp fishouts", wo es nur darum geht, so viele Karpfen wie möglich aus den Gewässern zu fangen und sie zu töten. Das geht sogar soweit, dass es Organisationen gibt, die darum kämpfen, Seen und Flusssysteme mit dem Koi Herpes Virus zu infizieren.

ABER, es gibt auch ein paar wenige Gleichgesinnte, die sich mit aller Mühe europäisches Tackle besorgen und wie wir auch auf Karpfen angeln...

TL Gerald

Wasser satt, aber wie komme ich an die Fische ran?

Um Größe ging es mir wirklich nicht!

News ArchiveNEWS ARCHIVE

ARCHIVE