04.01.18

Nadelstich - Jan Brase

Die Zeit war gekommen und mein langer Urlaub begann wie jedes Jahr im Oktober. Ich war natürlich über die letzten Monate der Abwesenheit am Wasser so heiß gelaufen, wollte unbedingt wieder die Zeit am besten Platz der Welt genießen. Geplant waren wieder einige Touren durch Deutschland und Frankreich und ich war mir sicher, dass dieser Herbst alles in den Schatten stellen wird, was je da gewesen war. Mein Selbstvertrauen war groß, ich wollte es unbedingt wissen. Meine erste Tour führte mich mit Korda Außendienstler Frank Sekula nach Mittelfrankreich an einem mittleren, flachen See mit gutem Bestand. Wir wollten hier eine Woche bleiben und eine tolle Zeit genießen, einfach mal wieder abschalten und Fische fangen. So far so good… Es fing generell ganz gut an und Frank konnte in der ersten Nacht gleich einen 13kg Spiegler fangen. So kann es weitergehen, dachten wir uns. Leider war das erst einmal die einzige Aktion in den nächsten Tagen, in denen wir einiges versuchten, um weiter zu fangen. Um es kurz zu machen: Es half wenig und wir konnten bis zum Ende der Woche nur noch drei kleine Karpfen auf unseren Matten begrüßen. Also gleich in der ersten Woche gab es einen Riesen Dämpfer in meiner Euphorie.

Zum Glück musste ich nicht lange warten, bis ich es besser machen konnte, denn nur drei Tage später fuhr ich für ein Wochenende zu meinem Kumpel Marvin an einem mittelgroßen Baggersee. Hier waren die Bedingungen von Anfang an Optimal. Starker Westwind, Regen und der Luftdruck unter 1000 hPa. Wir beschlossen, eine mögliche Zugroute der Fische zu einer Insel zu befischen und bauten schnell auf, denn die Zeit rannte, ein Wochenende geht ja immer viel zu schnell um. Als ich gerade dabei war, mein letztes IQ D-Rig zu beködern, indem ich ein Hookbait auf die Ködernadel schob, passierte es: Ich schob mit zu viel Druck, rutschte ab und hämmerte mir die Ködernadel in meinen linken Zeigefinger. Ich schrie auf vor Schmerzen und Marvin kam direkt, um zu sehen, was geschehen war. Da saß ich nun mit der Nadel im Finger und merkte zusätzlich, dass mir ganz anders wurde. Einen Versuch von Marvin, die Nadel aus meinem Finger zu ziehen schlug fehl, da der Widerhaken sich so fies in das Fleisch gedreht hatte, dass es nur die Möglichkeit gab, ins Krankenhaus zu fahren. Ich war furchtbar enttäuscht, erst die schlechte Woche in Frankreich und nun das. Wollte mir eine höhere Macht etwa was sagen? „Jan, lass es, es wird nicht dein Jahr“ , hätte es wohl gehießen.

Marvin’s Mutter konnte mich glücklicherweise spontan ins Krankenhaus fahren, so dass Marvin und unser Tackle am Wasser bleiben konnten. Vielen Dank übrigens nochmal für die Organisation, Marvin! Nachdem ich im Krankenhaus erst einmal geröntgt wurde, stand schnell fest, dass die Nadel nicht raus zu ziehen ist und ich lokal operiert werden musste, da meine Sehne im Finger durch die Nadel verletzt wurde und diese jetzt nicht ganz kaputt werden sollte. Für mich bedeutete das das Ende der Session und eine Überlegung, ob ich es dieses Jahr nicht mit dem Angeln aufhören sollte. Ich war echt ganz am Boden, meine ganze Euphorie zum Urlaubsbeginn - wie weggepustet.

Nach der knapp einstündigen Op und mit einem dickem Verband am Finger sowie einem strikten Angelverbot vom Arzt kam ich erst einmal zurück ans Wasser. Ich hätte Marvin sofort gefragt, ob er mir beim Abbauen meines Camps helfen könnte, doch er kam direkt zu mir, fragte wie es mir geht und sagte mir gleich hinterher: „Jan, ich weiß, du hast sicherlich Schmerzen, aber du musst bitte unbedingt Fotos machen von diesen beiden 30 Pfünder in den Slings.“ Meine Augen wurden wieder größer und die Schmerzen schienen für kurze Zeit wegzufliegen. Hier ging ja einiges, dachte ich mir und machte natürlich die Fotos. Als beim Knipsen des zweiten Fisches noch einer dritter Run dazu kommt wurde mir klar: Du kannst doch jetzt nicht einfach von hier abhauen, egal wie, du musst versuchen durchzuhalten, vielleicht fängst du auch noch so eine Granate. Nachdem der dritte Fisch auch versorgt war, sagte ich Marvin, dass ich doch bleibe, die Freude war riesig bei ihm und er half mir, wo er konnte. Nachdem meine Ruten irgendwo im Nirgendwo landeten, weil ich nicht mehr die Kraft aufwenden konnte, knappe 100m zu werfen, pustete ich erst einmal Tief durch. Natürlich war es bescheuert, weiter zu angeln, jede zu dolle Bewegung konnte die Wunde wieder aufreißen lassen. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass da noch etwas für mich kommt. Ich hatte zwar noch keine Plan, wie ich einen Fisch halten solle, aber das wird schon irgendwie.

Nachdem Marvin noch zwei weitere tolle Schuppis am Abend fangen konnte, legten wir uns ab. Als dann kurz vor Mitternacht mein Delkim los schrie, traute ich meinen Ohren kaum und ging zur Rute. Es war ein lahmer Drill, da mir der Fisch die ganze Zeit entgegen kam und ich dachte kurze Zeit an eine Brasse. Als dann aber im Lichtkegel der Kopflampe der Fisch zu erkennen war, war klar, dass dies ein weiterer guter Schuppi ist. Marvin kescherte den Fisch und beim Anheben aus dem Wasser sagte er mir nur, dass das der bisher größte Fisch der Session ist, da sei er sich sicher. Wir wogen ihn und tatsächlich, mit 17kg brachte dieser Schuppi bis dato das meiste Gewicht mit. Ich war natürlich überglücklich über diesen Fisch, der eine sehr hohe Bedeutung für mich hat. Denn dieser Karpfen zeigte mir, dass man nicht aufgeben darf, wenn man auf dem Boden sitzt, es auch wieder aufwärts geht. Wir sackten den Fisch bis zum nächsten Morgen, um meinen Finger noch ein wenig zu schonen. Beim Fotografieren zog ich mir einen Gummihandschuh an, damit der Verband nicht nass wird. Es war zwar ein wenig Arbeit, den Fisch auf die Arme zu bekommen und es schmerzte sehr, doch die Freude überwog und heilte auch ein wenig die Wunde, so dass wir schnell ein paar Fotos machen konnten.

Im Laufe des Wochenendes passierte nichts mehr, was uns aber ziemlich egal war. Wir waren mit mehreren 30ern sehr erfolgreich und genossen einfach nur noch die restliche Zeit am Wasser. Meine Euphorie war wieder da und ich konnte doch weiter angeln, auch wenn Schmerzen mein ständiger Begleiter waren. Was ich im Herbst noch so fangen konnte hört ihr demnächst.

Bis dahin, Cheers
Jan Brase

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