11.06.19

Nichts ist planbar - Michael Nürenberg.

Nichts ist planbar

In der Natur des modernen Menschen liegt irgendwie immer die Planung. Ist es die typisch deutsche Mentalität oder eher das Ziel nach der theoretisch-maximalen Effizienz?
Sei es im Job oder in der Freizeit, wir alle probieren uns die Zukunft immer so zu planen das wir den maximalen Erfolg feiern können. Nur mal ehrlich? Wie oft geht der Plan eigentlich auf?
Seit November 2017 hat sich in meinem Leben so einiges getan. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist getan. Was anfangs wie geschmiert verlief, kam nach knapp 6 Wochen schnell ins Stocken. Mehr Komplikationen wie vermutet, der gedankliche Fokus rückte vom angeln ab und legte sich ganz natürlich mehr aufs Geschäftliche.

Nun haben wir bereits Mitte Juni und der letzte Urlaub ist bereits 8 Monate her. Aber irgendwann geht nunmal nichts mehr und man muss für ein paar Tage raus. Drei Tage vor Pfingsten boten sich perfekt an, und mit dem langen Wochenende gepaart, kommt man so auf 5 Angelnächte. Das Gewässer, ein 55ha großer Baggersee in meiner Heimat. Nicht überdurchschnittlich tief und ein gesunder Bestand an Karpfen. Einfach mal relaxen und ein paar schöne Tage am Wasser verbringen, der Plan veranlasste mich dazu das „Minimaltackle-Prinzip“ mal Zuhause zu lassen und ein vernünftiges Zelt und eben etwas Luxusgerödel mit in den Bulli zu packen.

Am See angekommen entschied ich mich für einen großen Platz am Hauptwasserkörper. Hier konnte ich meine Ruten gut verteilen und schauen, wo ich Feedback von den Fischen bekommen würde. Der großzügige Swim bot mir genug Platz um mich so richtig einzugraben. Urlaub stand an!
Nachdem die ersten zwei Nächte vergingen und ich weder auf den Ruten, noch auf der Wasseroberfläche Karpfen ausmachen konnte, war es vorbei mit Urlaub. Ein paar Fische müssen schon noch gefangen werden, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Am Folgetag machte ich mich sehr früh auf Fischsuche, nach 36 Stunden ohne auch nur ein Anzeichen von Karpfen, da konnte was nicht stimmen. Ich vermutete das schlimmste und ja, mein Gefühl wurde bestätigt. Im anderen Seeteil schwammen sie hektisch herum. In den Ästen, in unmittelbarer Ufernähe platschte es, die Karpfen sind am Laichen! Na geil, mein Plan sagte mir eigentlich dass sie bereits mit dem Laichgeschäft durch sind und sie das große Fressen starten würden. Auch die Wetterprognose war super abgepasst, Westwind und ein konstanter Luftdruck von 1013hPa. Alle Indikatoren standen auf Fressen. Wenn nur das mit der Liebe nicht wär.

Also, zurück zum Platz und den ganzen Kram einpacken. Es war bereits Freitag, Anreisetag für alle Wochenendangler am stark frequentierten Vereinssee, ich musste mich beeilen. Hektisch wie die Karpfen schmiss ich alles unsortiert in die Alukisten, riss förmlich dieses Riesenzelt ab und sammelte die perfekt gelegten Ruten ein. 50 Minuten später startete ich mit meinem hochgepacktem Zigeunerboot und fuhr gegen den Wind an.
Am neuen Platz angekommen montierte ich auf jeder Rute Multi Rigs, mit nadelscharfen Choddy Haken in der Größe 6. In dem getrübten Wasser entschied ich mich für Fluo PopUps in Orange und Gelb. Diese verteilte ich auf den Zugrouten der Fische. 10 Minuten später, pfiff sofort die erste Rute los. Das Boot war noch beladen und der Fisch schwamm sich im dichten Kraut fest, ausgestiegen. Naja, immerhin war ich am Fisch und das Blatt schien sich zu wenden.

Sturm zog auf, der klare blaue Himmel wurde bedeckt und eine fiese, miese Wolkendecke schob sich vor die Sonne. Wetterwechsel, unangekündigt aber gut, wie war das mit dem planen? Aktion bringt Reaktion, also zog ich eine Rute aus dem Areal ab und legte sie im Freiwasser, nahe einer Krautbank. Der Köder blieb der selbe, lediglich etwas Beifutter in Form von Boilies und Pellets flogen hinterher.
Immer wieder machte ich mich auf dem Weg mit der Wathose durch das hüfttiefe Wasser um aus sicherer Entfernung eine Einsicht auf die Laichbucht zu haben. Meine Neugier über den Bestand war einfach zu groß, denn einen genauen Überblick habe ich an diesem Gewässer noch nicht.
Mit dem Sturm wurde auch der Trubel deutlich weniger. Und immer mehr Fische verabschiedeten sich aus der Bucht. Meine Fallen am Ausgang sollten sie abpassen. Zumindest dieser Plan ging auf und ein mittelschwerer Spiegler der 13Kilo Kategorie ließ sich den gedippten Orangenköder schmecken.

Der Anfang war gemacht, die Platzwechsel mit der Menge an Equipment hat sich gelohnt. Der Sturm hielt die ganze Nacht an, brachte aber ausser einen unruhigen Schlaf, keine weiteren Fische. Nachdem der Wind am Folgetag nochmal eine Schippe zulegte, schien bei den Fischen ein Schalter umgelegt worden zu sein. Fressorgie! Nach dem Sex kommt der Hunger. Ungewiss ob die Fische jetzt final durch sind oder den Liebesakt nur unterbrachen, kämpfte ich mich mit dem Schlauchboot immer wieder in das Wellenbad. Ein genaues ablegen war unmöglich, „ça passe ou ça casse“ sagen die Franzosen, entweder es klappt oder es geht kaputt. Ich ließ den Pop Up mit dem 5Oz Big Grippa Blei in die Tiefe sausen und kehrte mit voller E-Motor Leistung um. Es funktionierte und wie es funktionierte. Ich erlebte Sternstunden. Einfach nur ein tolles Gefühl, wenn man das Ruder im wahrsten Sinne nochmal rumreissen kann. Das Highlight, ein massiver Spiegler mit einzelnen großen Schuppen auf der Flanke. Die Freude war grenzenlos.

Mit abflauen des Sturms war das kurze Fressen auch schon wieder vorüber. Wie abgeschnitten, keine springende Fische mehr, kein Feedback. Auch in der Laichbucht, war nichts mehr zu sehen. Nur eins war gewiss, die Laichzeit war noch nicht überstanden. Also, die denkbar schlechteste Zeit für einen längeren Ansitz. So machte ich es mir in meinem Luxuscamp gemütlich und konnte die restliche Zeit am Wasser genießen. Der Fangrausch von wenigen Stunden stimmte mich friedlich und zufrieden.
Karpfenangeln ist so unglaublich facettenreich, es ist das, was Du daraus machst. Mein Plan war Entschleunigung am Wasser zu finden. Ein paar ruhige Tage und ganz nebenbei Karpfen fangen. Und irgendwie, ging dieser dann doch auf, auch wenn anders als geplant.

Cheers,
Michael Nürenberg

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