08.10.14

Worknights - Johannes Braith

Der Rucksack auf meinem Rücken wird bei jedem Schritt schwerer während ich zielstrebig zu der U-Bahn Station gehe. Es ist sechs Uhr in der Früh und es war eine verregnete Nacht. Der Morgenverkehr rauscht an mir vorbei und die Gesichter der Menschen wirken versteinert. Keine Emotionen oder Regungen lassen Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Passanten schließen. Die uniformhaften Anzüge merzen den letzten Funken Individualität aus. An der Ecke der Station kaufe ich mir noch schnell einen Kaffee in einem Pappbecher und verabschiede mich von meinem zweiten Leben. Ich bin müde aber zufrieden. Ich habe wieder etwas erlebt. Etwas erlebt, als alle anderen vor dem Fernseher oder im Bett lagen und das Leben an sich vorbeiziehen ließen. Die Nächte zwischen der Arbeit gehören mir. Mir alleine!

Zweimal pro Woche baue ich in eingeübter Routine mein Brolly und das Bedchair auf, montiere die Ruten und brühe mir einen heißen Tee. Absolute Ruhe überkommt mich sobald die Blanks auf den Delkims liegen und ich auf das nächste Abenteuer warte. Denn es sind wahrliche Abenteuer die man bei regelmäßigen Overnightern erlebt. Abenteuer im kleinen Rahmen versteht sich. Ich beobachte die Enten und beneide sie um die Selbstverständlichkeit mit der sie das Leben am Wasser meistern. Der Regen prasselt auf den Schirm und ich fühle mich geborgen. Das Leben wird in diesen Augenblicken auf essenzielle Dinge reduziert. Man ist froh einfach „sein“ zu können ohne weitere energieraubende Gedanken aufbringen zu müssen. Das Schilf vor mir wirkt wie eine Wand die mich vor dem Wind schützt und die Äste der Schwarzpappel bieten zusätzlichen Schutz vor der Witterung. Der Wecker wird auf fünf Uhr gestellt um es rechtzeitig ins Büro zu schaffen. Ich gehe früh schlafen um am nächsten Tag fit zu sein. Die Laute des Biebers und der umherstreifenden Ratten begleiten mich in den Schlaf. Wenn ich Glück habe werde ich von einem Fisch geweckt. Wenn nicht, schlafe ich an der frischen Luft und tanke meine Akkus auf. Es ist einfach unbeschreiblich schön sich nach dem Releasen wieder in den Schlafsack zu legen und zu bemerken wie die nassen Ärmel des Pullovers langsam wieder trocknen.

Im Büro angekommen weilen meine Gedanken bei dem Erlebten der letzten Nacht und ich bin überglücklich über mein persönliches Abenteuer. Die Zeit vergeht wie im Flug wenn viel zu tun ist und schon ist wieder Feierabend. Die Wetterprognosen werden nochmal gecheckt und schon stehe ich wieder in meinem Boot und steuere den Swim an. Es ist die Lust das Leben zu spüren die mich antreibt kein Abenteuer verpassen zu wollen.


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