• Absolute
  • Der Regen hörte abends endlich auf
  • Die Fotosession rückte näher
  • Geteilte Freude
  • Meine Wafter Rigs
  • So langsam

20.12.17

Und auf einmal war es soweit - Christoph Freuen

Vor 24 Jahren habe ich zum ersten mal einen Boilie auf eine Haarmontage aufgezogen. Schon eine Zeit her, aber ich weiß noch genau, dass es damals ein Fertigvorfach war. Eines aus einem 10er Vorfachpäckchen, mit 6er Plätchenhaken gebunden an 30er Mono. Ich kürzte das Vorfach auf 18cm ein und band im Hakenbogen als Haar etwas von Mutters Nähgarn an. Hört sich komisch an, war aber so und es funktionierte. Mit der steigenden Anzahl an Fängen und dem daraus immer größeren Interesse an dieser Art der Angelei, folgten natürlich auch die spezielleren Utensilien... Viele Monde später, das Fangbuch deutlich schwerer und die Fotoalben bzw. heute die Festplatte ordentlich gefüllt mit Erinnerungen wuchs in mir doch deutlich der Drang, eine, wie man es in unserer Gilde nennt, gewisse Hürde zu durchbrechen. Große Fische sind für uns das Salz in der Suppe und ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich nicht gerne gezielt hinter den gewissen Schätzen unter unserer beschuppten Freunde her bin. Gerade die letzten Jahre kam da einiges an großen Fischen zusammen, aber diese gewisse Schallgrenze... Meine engeren Freunde wissen was ich meine. Zu oft philosophierte ich mit ihnen darüber, was ich nicht alles bereit wäre zu tun und wo ich es für möglich halten würde, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie wussten wie sehr ich darauf brannte und wie sehr ich darauf fokussiert war.

An einem frühen Samstagmorgen Ende September sitze ich, klassisch mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf meiner Liege und schaue durch einen Spalt in der Zelttüre auf den See. Es regnet und das seit Mitte der letzten Nacht. Das Skull Cap, ein kleiner optionaler Überwurf mit Vordach für mein Tempest Zelt, leistet gute Dienste und verhindert, dass es in meinen Sehschlitz hinein regnet. Gebissen hat, wie in den sechs Nächten innerhalb der letzten zwei Wochen zuvor, nichts. Stabiler Hochdruck wie so oft im September. Allerdings soll das Wetter sich jetzt für zwei Tage ändern. Wind und eben Regen sind gemeldet. Meine Zuversicht steigt, zumal auch das Futter in den letzten Tagen, nie ganz, aber doch immer wieder gut zur Hälfte gefressen wurde. Es ist mir wichtig zu wissen was los ist da draußen in 8,5m Tiefe. Gerade bei nicht ganz passenden Wetterlagen kontrolliere ich meinen Platz sehr gerne mit einer Unterwasserkamera. Ist das Futter noch da oder ist es weg? Daraus schließe ich ob ich erneut eine gute Portion nachlege oder doch lieber nur ein, zwei Hände frisches Futter verteilt drüber streue.
Der regnerische Morgen ist bereits voran geschritten und mein Kaffeekonsum nimmt so langsam ungesunde Ausmaße an als kurz hinter meinem Futterplatz ein sehr großer Fisch die Oberfläche durchbricht. Die erste sichtbare Fischaktivität seit Tagen. Die Ruten hatte ich am Vorabend gut platziert und ich bin mir sicher, dass die Montagen mit den Waftern noch scharf und fängig in der Tiefe auf einen Abnehmer lauern. Es besteht für mich kein Grund, jetzt durch erneutes Einholen und Werfen Unruhe zu verbreiten.

Bis zum frühen Abend warte ich vergebens und entschließe mich dann dazu, den Platz noch einmal mit der Kamera zu kontrollieren und frische Köder aufzuziehen. An einer Rute möchte ich es mit einem Pop Up am Hinged Stiffrig probieren, doch innerhalb einer Viertelstunde fange ich darauf drei Rotaugen. 15mm Köder verschwinden komplett in den Mäulern der Silberlinge und selbst ein 18mm großen Pop Up wird hart attackiert. Die Sache mit den Pop Ups hat sich somit erledigt und ich bleibe bei meiner bewährten Montage von Krank X, endscharf dank Pinpoint-Hooks, in Größe 4 am Kamo Vorfachmaterial mit einem 20mm Wafter als Köder.

Der Regen hat aufgehört und nachdem die Ruten zu meiner Zufriedenheit platziert sind, gehe ich die Uferseite etwas auf und ab. Fischaktivität kann ich, bis auf den Großen am Morgen, keine feststellen aber die Bewegung, nachdem ich den ganzen verregneten Tag im Zelt gesessen habe, tut gut. Ich koche mir noch was leckeres und trinke für die nötige Bettschwere zwei Blechtassen Wein. Es ist 23.00Uhr, ich bin im Land der Träume als meine linke Rute ohne Vorwarnung von Null auf Hundert durchstartet. Vollrun! Rein in die Wathose und ran an die Rute. Schnell merke ich, dass es sich bei meinem Gegenüber um einen großen Fisch handeln muss. Er verhält sich zu ruhig und zu bestimmend. Es mag sich komisch anhören, aber mir war in diesem Moment ganz klar, welchen Fisch ich da gerade am Haken hatte. Innere Intuition oder wie man es auch immer nennen mag. Mein Kopf war seit einigen Wochen frei und ich angelte frei raus ohne jeglichen Druck, ohne feste Ziele vor Augen, wohl wissend was möglich wäre. Ein freier Kopf, das hatte ich nach meinem anglerischen Burnout in Frühsommer gelernt und begriffen, ist maßgeblich für eine gute Angelei verantwortlich. Jedenfalls war mir gerade in diesem Moment absolut klar was da gerade Stück für Stück näher in Richtung meines Keschers kam.

Nach ungefähr 25 Minuten, in denen ich dem Fisch nur ein einziges mal vier bis fünf Kurbelumdrehungen Schnur geben musste, schlossen sich die Maschen meines Keschers um einen großen Spiegelkarpfen. Kurzer Blick meinerseits um die Gewissheit zu bekommen, dass es tatsächlich der Fisch war, von dem ich von Beginn des Drills an ausging. Er war es! Fassungslos stand ich im knietiefen Wasser und starrte einige Minuten hinaus auf den dunklen, regungslos vor mir liegenden See. Was jetzt kommen sollte hatte ich in meinem Kopf schon des öfteren durchgespielt. Natürlich würde ich einen solchen Fisch auf der Abhakmatte in die Retention Sling umpacken. Zu groß wäre die Möglichkeit, dass er mir im Wasser entwischt.... Von wegen! Der zig mal durchlebte Automatismus setzte ein und wie hundertmal zuvor glitt der Fisch direkt aus dem Kescher in die Sling. Kurz atmete ich durch. Auf jeden Fall mein neuer PB, er war allerdings im Frühjahr von einem anderen Angler deutlich leichter gefangen worden. Doch nicht mein neuer PB? Er sah aber einfach mächtig aus. Das Gedankenchaos in meinem Kopf nahm seinen Lauf.

Als ich die beiden Ösen der Wiegeschlinge an der Waage einhing und die Wiegestange, mit einem Fuß gesichert, langsam anhob, sackte die Stange in den weichen Boden ein. Allerdings überquerte die Nadel schon dabei die so lange von mir ersehnte Wunschgrenze. Baff! Absetzen, mir kullerten vor Freude und Glückseligkeit Tränen die Wangen herunter... Junge da ist er, sagte ich immer wieder laut zu mir selber. Junge da ist er! 24 Jahre Karpfenangeln. Am Parkteich, am See, am Kanal, am Stausee, am Fluss, vieles hatte ich in der Zeit erlebt, probiert und gemacht, aber in diesem Moment war ich einfach nur Baff und stand tatsächlich von meinen Emotionen übermannt vor Freude weinend da.
Nachdem der Fisch sicher im tiefen Wasser geparkt war, saß ich bestimmt für eine Viertelstunde regungslos am Ufer. Mein Kopf war voller Gedanken. Da ist er... Wen und wann... Yessss.... Hoffentlich... Ob... Sollte ich... Oh man... Dazu gesellte sich ein Grinsen, das für die nächsten Tage anhalten sollte.

Ich rief, wie damals als ich meinen ersten Fünfziger fing, meine Mutter an. Mitten in der Nacht, wie damals. Als ich sie in der Leitung hatte begrüßte sie mich sofort mit den Worten, du hast deinen großen Fisch gefangen! Mums are always right, sagte Ali Hamidi vor Jahren einmal am Gigantica zu mir. Recht hat er. Mutter wusste eben zu genau was ihr Sohnemann macht, plant und in was er soviel Zeit der Vorbereitung investierte. Danach benachrichtigte ich meine Jungs, die ebenfalls von meinem Vorhaben Bescheid wussten. Ich hatte Mitteilungsbedürfnis und musste mit jemandem sprechen, was alleine, mitten in der Nacht am Wasser gar nicht so einfach ist. Björn, seinerseits hunderte Kilometer entfernt, selber am Wasser wurde aus dem Schlaf geklingelt und freudig angeschrien. Meine Angelkumpels Stefan und Jens wurden alarmiert und für das anstehende Fotoshooting gebucht. Dazu meldeten sich noch weitere Freunde an, in der Frühe zu mir zu kommen. Ich danke euch allen dafür! Ehrlich geteilte Freude ist die schönste Freude. Der neue Tag begann dann, nach einer für mich schlaflosen und von einigen Litern Kaffee und Zigaretten begleiteten Nacht, mit dem köpfen einer Flasche Champus. Danach kam die unvergessliche Fotosession, damit dann Erinnerungen an Momente die für immer bleiben werden.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich nachdem ich alles auf meinen Trolly geladen hatte, um den Heimweg anzutreten, noch für ein paar Minuten am Ufer saß und über die letzten Stunden nachdachte. Zu diesem Zeitpunkt konnte mein Kopf das geschehene noch gar nicht wirklich realisieren. Gewichte hin oder her, man kann nur das Fangen was im Gewässer schwimmt. Von daher lasse ich die Gewichtsangabe hier einmal offen. Angeln ist und bleibt für jeden das was er daraus macht und bereit ist einzugehen. Für mich persönlich war es eine wichtige Hürde, die ich mir zu überqueren so sehr gewünscht hatte und wofür ich selber auch wieder einen recht großen Aufwand was Vorbereitung anging betrieben hatte. Es hat sich ausgezahlt.

Lieben Gruß und haltet den Kopf frei, Christoph Freuen.

Die Stelze nutze den Regen zum Insektenfang.

Was für ein Fisch!


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